Kurz vor der Sommerpause, im Juni dieses Jahres zog es uns in den Süden zu dem berührenden und magischen Festival „Black Forest Voices„. Für Thorsten war es die erste Fahrt und das erste große Konzert nach seinem Einstieg bei den JazzVocals. Phine singt schon seit fünf Jahren im Alt der JazzVocals, hat nun aber aus Zeitgründen entschieden, ein Pause einzulegen, so dass Kirchzarten ihre letzte Fahrt mit den Vocals war. So haben die beiden diese Chorfahrt erlebt…

Phine:
Heiße Stimmung obwohl es noch kalt ist so früh morgens in Berlin. Los geht’s in diversen Reisekleingruppen nach Kirchzarten. Wohnwagen, Auto, Zug und Flugzeug – wir reisen an.
Das Choircamp ging von Freitag bis Sonntag. Am Freitag versuchten wir uns erstmal mit der Situation zu akklimatisieren- bei über 30 Grad keine leichte Aufgabe. Am Nachmittag wurden wir offiziell zur Opening Session gebeten, in der wir unsere Chor Coaches Panda und Erik und die drei anderen Chöre kennenlernen konnten. Danach gings an der Schalampi vorbei zur Talvoigtai. Nach ausreichend Stärkung auf der ´nem vegetarischen Burger und Coleslaw auf der Festivalwiese hörten wir Sistahh, denen wir zuvor im Coaching schon lauschen durften zu. Auch Lylac, die beim Band Camp dabei sind und Postyr haben ihr Bestes gegeben. Die Stimmung war zauberhaft.
Der nächste Tag begann recht früh. Wir kamen aus verschiedenen Richtungen zusammen in der Johanneskapelle, und hatten gemeinsam mit dem jungen jugendlichen Freiburger Chor unser erstes intensives Coaching bei Erik Sohn. Einige experimentelle Übungen brachten uns Aha- Momente ein. Nach einer Pause, die bei so viel intensiver Singe- und Performancearbeit und bei der Hitze sowieso im Bach oder mit Eis verbracht wurde, ging das nächste Coaching los. Dieses hatten wir als Chor alleine bei und mit Kim Nazarrian (New York Voices). Es entwickelten sich spannende musikalische und performative Momente- einen nannten wir später den Hexenkessel, in dem wir in einem Kreis um Kim sangen und sie uns immer wieder herausforderte. Auch nach diesem Coaching ging es wieder Richtung Festivalzentrum Talvoigtai. Allerdings nicht entspannt schlendernd über die Festival Wiese, denn unser Soundcheck stand an. Viel Input an dem Tag und eine leichte Nervösität brachte die richtige Konzertstimmung auf. Wir durften singen. Nach uns The Real Group, und dann sogar nochmal mit allen gemeinsam zur abschließenden Zugabe inklusive Merel Mertens. Eine Wahnsinns Dynamik: Das Publikum sang mit, the real group loopte, wir ebenso, dazu improviesierten wechselnd aktuelle mit alten RealGroup Mitgliedern. Einfach ein Gänsehautmoment.
Natürlich, wie wir JazzVocals so sind, wird kein Konzerttag abgeschlossen ohne das obligatorische Barsingen mit den Bangern unseres Repertoirs. Das dann aber erst nach dem stetigen Austausch mit allen sonstigen Festivalgäst*Innen in dem Kirchzartner Etablisment Tres Jolie.
Sonntag schliefen einige etwas länger, die Nacht könnte etwas kurz gewesen sein, ein paar individuelle Workshops wurden gescippt, aber die Martinee konnten wir uns nicht entgehen lassen. Diverses Programm wurde auch hier repräsentiert. Von Jassa, dem Festival Chor und vielen mehr (dem Publikum zum Beispiel ☺).
Es folgte ein letztes Coaching bei Panda, wieder mit Voice Event. Mit vielen Effekten, die wir selbst ausprobiert aber auch bei Voice Event gehört haben. Insgesamt haben sich neue Ideen und Impulse gebildet, die wir zukünftig mit in unsere Probenarbeit reinnehmen können. Der Tag wurde abgeschlossen mit einem letzten Konzert in der Talvogtai, das von einem angekündigten Regenschauer begleitet wurde. Klar wurden wir nass, war ja schließlich open Air. Aber niemals hätten wir gedacht, das trotzdem die Stimmung so gut sein kann. Regenüberbrückungsimprovisation von unserem tollen Chorleiter Matthias Knoche (aka Bones) und Tanja Pannier haben nicht nur uns JazzVocals begeistert und durch das Konzert getragen.
Glücklich und beladen mit einem Rucksack voller neuer Tools, Ideen, Erinnerungen, Ohrwürmern und Mitbringsel gings für die letzten Vocals am Montag zurück in die Hauptstadt.





Thorsten:
Hallo. Ich bin Thorsten und verstärke seit April 2025 den hohen Tenor. Grüß dich! und schön, dass du das hier liest.
Dieses Jahr waren wir im Juni beim Festival »Black Forest Voices« im Schwarzwald, und ich als frischgebackener JazzVocal war mittenmang. Aus unserm vielfältigen Repertoire hatte Matthias einige Chorklassiker sowie aus jedem Genrewinkel ein Lied herausgepickt und zu einer facettenreichen dreiviertelstündigen Visitenkarte zusammengestellt.
Da ich mir das große Festivalticket gegönnt hatte, ging’s für mich bereits am neun Grad kühlen Donnerstagmorgen mit dem ICE Richtung Freiburg. Im Zug gemütlich die Festival-App (ja, die haben wirklich an alles gedacht) installiert und mit dem Ablauf und den verschiedenen Workshops abgeglichen. Und ganz vielleicht habe ich auch nochmal heimlich alle Lieder nebst Bühnenaufstellung durchgesungen — so heimlich das eben geht, wenn man im Ruheabteil vor sich hin summt.
Freiburg hieß mich bei 28 Grad willkommen, mit der Höllentalbahn (heißt wirklich so) weiter nach Kirchzarten, Boxenstopp im Hotel, und nur mit dem Nötigsten sowie genug Wasser ab zur Festivalwiese.
Kirchzarten ist eine kleine Kleinstadt. Viele Wohnhäuser, Läden an den wichtigen Straßen, Schulen, ein bisschen Gewerbe und eine autofreie Zone im Ortsinneren. Sehr sympathisch! Etliche sind mit dem Rad unterwegs und meistern die Steigungen entweder mit Bravour oder mit nem E-Motor. Eine Kirche in der Mitte, die innen größer ist, als sie von außen wirkt. Und mittendurch plätschert der Krummbach der Dreisam entgegen. Sehr erfrischend bei 34 Grad!
Und dann all die Orte, die fürs Festival umfunktioniert wurden. Hier besonders erwähnt: die historische Talvogtei (sonst Rathaus) mit ihrem malerischen Innenhof wurde zur großen Festivalbühne mit Platz für gut 250 Leute.
Fürs Publikum waren sicher die Abendkonzerte die Highlights des Festivals, zumal sich namhafte Gruppen angekündigt hatten.
Das Donnerstagabendkonzert unter dem Titel »Songpoeten« eröffneten »anders« aus Freiburg, ein Quintett aus fünf jungen Männern, das die Anwesenden mit meist humorvollen Beiträgen aus der männlichen Perspektive begeisterte. Liebevoll-provokant dahintergesetzt sangen und bodypercussion-ten die acht jungen Frauen von »æmber« aus Köln sich mit sanften und kraftvollen Liedern in die Herzen des Publikums. Versöhnende Dritte im Bunde waren »Quintabulous«, ein gemischtes Quintett aus Mainz.
Der erste Abend ging auf der Festivalwiese vor der Talvogtei zu Ende. Mit erfrischenden Getränken, anregenden Kennenlerngesprächen, Fachsimpeln über das am Tag Gehörte und Erlebte sowie einer gemütlichen mehrsprachigen Runde, die Barbershop-Songs vom Blatt (auch hierfür eine eigene App!) der Tageszeit entsprechend frei interpretierte. Darn ya, smile! Zu vorangeschrittener Stunde dann den Anwohnenden zuliebe der Umzug ins »Très Jolie«, die gemütliche Festivalkneipe.
Freitagfrüh — die Nacht war kurz — lud Sebastian Oberlin, Chorleiter und Coach aus Freiburg, zu ungeraden Taktarten ein. Und so wippten und wankten bald 80 Menschen einträchtig in Dreier- , Fünfer- oder Siebenertakten. Und weil das Event ja nicht »Black Forest Feet« heißt, wurden alsbald dazu auch noch stimmgruppenweise wiederkehrende Patterns gesungen. Erkenntnis: den Körper in die gewünschte Schwingung versetzen, dann nicht mehr drüber nachdenken und irgendwas dazu singen! Oder klatschen. Oder beides…
Am Nachmittag ging es für die teilnehmenden Chöre in das erste von vier Choir Camps, in dem wir JazzVocals zusammen mit dem Jugendchor »Voice Event« aus Freiburg abwechselnd von Panda van Proosdij und Erik Sohn gecoacht wurden. Beide, in ihrer Art ganz verschieden, ergänzten sich erfrischend gut: während Panda, die vom Theater und Schauspiel kommt, uns über körperliche Trainingsmethoden den Weg zu einem besserem Bewusstsein für uns selbst und die anderen auf der Bühne vermittelte, war für Erik als Gesangs- und Tanzpädagoge der Liedtext Ausgangspunkt für den Ausdruck und die Atmosphäre, die wir auf der Bühne fürs Publikum erschaffen. Dass sich immer zwei Gruppen die Coachings teilten, erwies sich als Glücksfall: nicht nur brauchte man nach 30 Minuten intensiven Coachings bei über 30 Grad eine Verschnaufpause im Sitzen; auch und vor allem als Pausenchor-Publikum erlebten wir, wie schnell und weitreichend sich unter der Betreuung der Coaches Ausdruck, Klang, Körpersprache und Wirkung der anderen Gruppe verbesserten — und nahmen die Anregungen für die anderen auch für uns gern mit.






Der heiße Nachmittag hatte Spuren bei mir hinterlassen: von dem Abendkonzert »Sound & Code«, das die Ensembles »Postyr« und »Lylac« sowie der Chor »Sistahh« bestritten, habe ich zu meiner Schande nicht viel mitbekommen.
Der Samstag begann mit gemeinsamem Warm-Up und Einsingen an der Schalampi-Bühne, danach ging’s in den Norden Kirchzartens zur Johanneskapelle zu den weiteren Choir Camps unter der Ägide von Erik und Panda.
Als besonderes Schmankerl haben wir nachmittags ein Extra-Coaching genießen dürfen. Kim Nazarian, Sängerin bei den »New York Voices«, Vocal Coach und unbändiges Energiebündel, arbeitete intensiv mit uns an zwei Liedern. Die freundliche Urgewalt, mit der sie das (trotz der Temperaturen) tat, war mitreißend. Bei Yaninku, meine ich, hat der Chor erstmals als ganzes verstanden und gefühlt, wie geil dieses Lied werden kann.
Nach diesem Aha-Erlebnis, das viel Kraft gekostet, aber auch zurückgegeben hat, gingen wir in die Vorbereitungen für unser Abendkonzert. Bühnenaufstellungen kurz durchstellen, den Vogteibrunnen mitten auf der Bühne gekonnt ins Staging einbauen, 27 Mikros, 27 Kabel, Soundcheck. So langsam machte sich neben dem Hitze- auch das Lampenfieber in mir breit. Schnell noch das Mikro am Kabel entwirrt und an die Startpositionen gelegt.
Dann die Ruhe vor dem Sturm. Nochmal was trinken, irgendwie die Hitze draußen ausblenden und runterkommen. Ab in die Konzertkleidung. Die Zeit will nicht vergehen.
Zum Glück sind die anderen da und lenken ab. Ansagen auf englisch? deutsch? gemischt? Mal sehen… Irgendwer braucht ein Deo? Kriegt er. Kurz aufs Klo. Bei irgenwem sind die blauen Ohrhänger aufgegangen, hat wer was zum Sekundenklebertube-Durchpieksen? Kriegt sie.
Die Zeit… vergeht schließlich doch! Noch einmal aus dem Backstagebereich in den Hof der Talvogtei gelugt: voller Menschen! Gut. Mein Lampenfieber geht noch einen Tacken weiter hoch. Kurz nach acht. Dann geht’s endlich raus. Wie treten wir nochmal auf? Habichvergessen. Egal — den anderen hinterher. Tanja Pannier sagt uns an. (Alles wird gut).
Selbstsicher und offen lächelnd auf die Bühne, auch wenn’s in mir drin rumort. On stage greifen dann die Instinkte, irgendwie finden richtige Töne, korrekter Text und passende Ausstrahlung zur gewünschten Wirkung auf der Bühne zusammen und Other Plans ist schnell vorbei.
Dann flott nach vorn. Ich mache die einleitende Moderation auf englisch und deutsch gemischt. Motto: unique. Das Publikum muss auch mitmachen. Wer wir sind, was wir singen (dauert alles viel zu lange, wir haben keine Zeit: das Konzert darf nur bis 22 Uhr!)
Ab in die Aufstellung fürs zweite Lied. Puh — hatte ich Schiss vor dieser Ansage.
Aber ab hier laufe ich auf Autopilot.
Alle weiteren Lieder und Bewegungen laufen irgendwie durch mich durch, wie ein Film, der abläuft. Mein Lampenfieber weicht einer Achtsamkeit, die noch die am weitesten weg stehenden JazzVocals miteinbezieht. Ich fühl mich wohl. Die anderen können was. Ich auch. Passt.
Bei Yaninku schafften wir es, viel von dem abzurufen, was wir Stunden zuvor mit Kim erarbeitet hatten: das Lied war der Hammer.
Ansonsten kann ich mich auch Tage später an nicht viel Konkretes im Konzert erinnern. Wir müssen aber wohl gut gewesen sein, das Publikum gab mit überwältigender Mehrheit Standing Ovations und wollte die Zugabe, die wir ganz zufällig vorbereitet hatten.
Dann abgehen. Schade — fing gerade an, Spaß zu machen.
Kurze Umbaupause: schnell unsere Mikros abziehen und die Mutter aller Mikrokabelsalate von der Bühne zerren.
Und schon übergeben wir der Real Group die kabelfreie Bühne mit dem einsamen Brunnen in der Mitte und das begeisterte Publikum, das inzwischen wieder sitzt.
Die Real Group ist Weltklasse, keine Frage. Aber ich bin noch nicht wieder im Hier und Jetzt angekommen. Erstes Stimmungsbild untereinander: Auftritt war gut.
Wir applaudieren für die schwedische Vocal Group, die in rundum erneuerter, junger Besetzung auftritt. Gelegentlich auch ältere, bekannte Lieder, für die sie dann gemeinsam mit zweien der Gründungsbesetzung performt. Ein stimmiger, gelungener Mix aus »wir sind die Neuen« und »wir setzen den Namen und die Tradition der Real Group fort«.
Kurz nach zehn! gibt Schweden seine Zugabe Words, für die wir nochmal auf die Bühne dürfen. Merel Martens dirigiert die junge und die alte Real Group, uns JazzVocals und das Publikum mit Vocal-Painting-Handzeichen. Stimmung war top. Ein Abend, an den ich mich gern erinnere…
Wir haben mit der Real Group auf einer Bühne gestanden!





Danach Festivalwiese, — stopp!
hr erinnert euch an den Kabelsalat unserer Mikros? Den wir einfach nur schnell von der Bühne runtergezogen hatten? Tja… *seufz* diesem Ungetüm mit 54 Tentakeln (27 Kabel mit je zwei Enden) *schluck* sind dann ein paar grundlos Unerschrockene zu Leibe gerückt. Ich weine mich heute noch in den Schlaf, wenn ich daran denke, wie wir zwischen Resignation, Frotzelei und unheiligen Gedanken an Schneidwerkzeuge in einer Dreiviertelstunde dieses Gewirr auseinanderzwirbelten. Irgendwie war den Kabeln das verwirrte Liegen hinter der Bühne so schlecht bekommen wie den Spaghetti, die, sobald sie kaltgeworden, jeglicher gesitteten menschlichen Handhabung trotzen.
Nach der mühsamen »Kabale« kam dann doch noch die Liebe, hier: Festivalwiese, Bier oder und Wein, viel Anerkennung aus dem Publikum, allerhalben Dankbarkeit und Freundlichkeit. Später noch ins »Très Jolie«, ihr wisst Bescheid…
Sonntagfrüh, nach einer weiteren kurzen Nacht, stellte Fama M’Boup, die eine Hälfte des Duos »Olicía«, vor, wie man mit anderen ins Circle Singing kommt. Wir verabredeten, wer Rhythmus, Melodie oder Harmonie machen wolle, dann fing eine der Gruppen an und die anderen kamen mit etwas Passendem dazu. Das Ganze abgerundet mit ein paar Improvisationen und Vocal Painting. Erkenntnis 1: aller Anfang muss nicht schwer sein. Erkenntnis 2: macht sowas bittebitte nicht im Saal in der Verwaltungsscheune unterm Satteldach, sucht euch ein kühleres und luftigeres Plätzchen.
Eine ewiglange Schlange vor der Kirche zeigte es weithin an: hier stand für Mittag die Matinée mit dem Festivalchor, dem Berliner FLINTA*-Ensemble JASSA und der Real Group auf dem Programm. Eindrucksvolle und erhebende Momente.
Ein letztes Mal Coaching mit Panda und Erik und den jungen Leuten von Voice Event, die später abends ihr Konzert geben. Gemeinsame Auswertung des Coachings: gut, dass die Coaches so verschiedene Typen sind und unterschiedlich gearbeitet haben — so war für jede_n mal was dabei, was Klick gemacht hat und hängen bleiben wird.
Der Abend nahte. Die Vorhersage kündigte stärkere Regenfälle, vielleicht sogar Gewitter an. Die Talvogtei wurde umgebaut. Weniger Sitzplätze und nur dort, wohin die über den Hof gespannten Planen hinreichen. Die Bühne war ohnehin überdacht, inklusive eines transparenten Trichters mit Rohr darunter, der von der Bühnenplane das Wasser sammelt und in den Brunnen ableitet. Isser doch noch zu was gut!


Der Beginn des Abschlusskonzerts »Vocal Sunset« und der einsetzende Regen lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Unser Coaching-Partnerchor Voice Event stand schon auf der Bühne, als der Himmel seine Schleusen öffnete. Das allein wäre ja vielleicht gegangen — man hätte vor lauter Rauschen nur den Chor nicht gehört… Aber der Wind, der den Schauer horizontal unter! die Plane auf die Bühne blies — nein, so begierig auf eine Dusche waren die jungen Leute da noch nicht… Der Chor trat ab in den einsehbaren, aber regengeschützten Bereich hinter der Bühne und auf trat: die Pausen-, Pannen- und Regenüberbrückung in Gestalt von Tanja Pannier und Matthias Knoche, gemeinsam bekannt als Klangbezirk. Mit einem Medley aus 90er-Hits retteten die beiden die Situation. Das Publikum hatte das Jahrzehnt miterlebt und sang mit. Der hinter der Bühne geparkte Chor hatte die 90er nicht miterlebt, kannte aber die Hits und sang und feierte backstage. Eine fröhliche, ausgelassene Stimmung machte sich breit — trotz des Wetters, denn auch im Publikum blieben nicht alle trocken — oder wie irgendwer später sagte: dieser Festivalabend war mehr Woodstock als Kirchzarten. Aber trotzdem geil.
Schließlich ließ der Regen nach. Klangbezirk erhielt zu Recht frenetischen Applaus für die eingesprungene Nummer.
Voice Event trat etwas angefeuchtet auf, lieferte aber ein großartiges, abwechslungsreiches, einfühlsames und stimmungsvolles Konzert ab, für das sie viel Applaus und Lob erhielten. Die Coachings hatten echt was gebracht, nicht nur uns.
Danach performte das gemischte Quintett »Còig« aus den Niederlanden ein humorvolles und spannungsreiches Set. Die fünf — im Schnitt wohl ein bisschen älter als wir JazzVocals — bauten professionell die wieder auffrischenden Regenböen in ihre Darbietung ein und wurden dafür von einigen der jungen Voice-Event-Leute, die dazu ausgelassen im nichtüberdachten Teil des Hofes im Regen tanzten, angefeuert. Ein Erlebnis!
Schließlich hielt zum Konzertende mit dem Duo »Olicía« noch eine etwas sphärischere, nachdenklichere Stimmung Einzug: die zwei Frauen sangen und spielten mehrere Instrumente, ver-synchronizer-ten ihre Stimmen und brachten dank ihrer Loop Stations die Songs mehr-als-zwei-stimmig zum Klingen. Szenenapplaus gab es für die Bühnentechnik, die bei einem Kurzschluss, nach dem erstmal gar nichts mehr sang, klang oder loopte, den Fehler zielstrebig innerhalb von zwei Minuten fand und behob. So konnten Olicía ihr Programm fortsetzen und brachten die Festivalkonzerte nach all der Aufregung, Ausgelassenheit und feucht-fröhlichen Stimmung zuvor zu einem in sich ruhenden, krönenden Abschluss.
Umtrunk und etliche gute Gespräche auf der nassen Festivalwiese. Großes Lob an die Künstler_innen des Abends, die Wind und Wetter getrotzt hatten. Überbordendes Lob an die vielen Köpfe und Hände, die das Festival zu dem geplant und durchgeführt haben, was es dann war: rundum gelungen. Dank dem einen oder anderen geistigen Getränk gewann die ausgelassene Stimmung zum Festivalende wieder die Oberhand. Spätestens in der Festivalkneipe ließ noch der Letzte bei überschwenglichem Gesang und Polonaise die Sau raus, aber darüber breite ich hier gnädig den Mantel des Schweigens. What happened in Très Jolie, stays in Très Jolie.
Sonntagabend und Montagmorgen waren geprägt vom Abschiednehmen. Einige Vocals waren schon Sonntag auf ihrem Weg nach Hause, andere wie ich erst am Montag: Raus aus dem liebgewonnenen Hotelzimmerchen, ein letztes Mal in den Ortskern, wo bereits etliche am Abbauen und Aufräumen waren, einige letzte nette Worte der Anerkennung für die gute Organisation. Ein Blick in den beinahe stuhllosen Hof der Talvogtei, der nun ungewohnt leer und still wirkte. Und dann ging’s auch für mich erst nach Freiburg, wo ich noch einige schöne erholsame sonnige Stunden verbrachte, und dann letztendlich auf den Heimweg in einem ICE, den die Bahn auf den zweitkühlsten Ort im bekannten Universum runterklimatisiert hatte. So blieb mir von diesem großartigen Festival neben der inspirierenden Erfahrung und warmen Erinnerung auch noch ein kalter Hals und eine krächzige Stimme.
(Konzert und Workshopbilder von Ellen Schmauss)